Der andere Blickwinkel
Persönliche Ansichten unserer Welt- in Gedanken und Bildern.

Die Tabula rasa oder das unbeschriebene Blatt

Das Gehirn

Es gibt Leute die behaupten, das Gehirn des Menschen sei bei seiner Geburt leer wie ein unbeschriebenes Blatt und alles, was das Gehirn später erfülle, sei durch Sozialisation im weitesten Sinne dort hinein gekommen. Werfen wir also zunächst einen kurzen Blick auf das Gehirn.

Das menschliche Gehirn wird aufgebaut aus über 3.000 unterschiedlichen Zelltypen, sein Bauplan ist in rund 20.000 Genen codiert: 84 % aller Gene sind auch im Gehirn aktiv  - da ist jedem, der einen Hauch von Biologie versteht, klar, dass jedes Gehirn biologisch individuell verschieden ist: es gibt bio- und neurologisch keine zwei gleichen Gehirne. Die notwendige Konsequenz ist, dass jedes Gehirn etwas anders funktioniert - und was für ein Gehirn geht, geht für ein anders evtl. nicht! Gehirne sind zu einem erheblichen Teil genetisch bestimmt und sie unterscheiden sich genauso wie die Körper, zu dem auch das ganze Hormonsystem gehört, nur man erkennt es nicht so leicht. Manchmal, im Fall von psychischen Erkrankungen, wird diese Tatsache offensichtlich: Von Psychosen und Bipolaren Störungen, über Schizophrenie und Depressionen bis hin zum gefühlten Geschlecht oder simpler Linkshändigkeit: das alles ist Biologie und kein Willensakt - obwohl auch jetzt noch manche Menschen glauben, man müsse sich doch nur Mühe geben ...

Selbstverständlich gibt es so etwas wie Sozialisation, das Gehirn ist dazu bestimmt, zu lernen. Aber das Lernen kann immer nur auf den biologischen Grundlagen aufbauen, genauso, wie der Körper auch; und die sind für jeden Menschen etwas anders. Ob jemand Läufer oder Gewichtheber werden kann, bestimmt der Körper und nicht der Trainer. Und ob jemand Denker, Träumer, Chef, Anführer, Mann oder Frau werden kann, bestimmt die Biologie des Gehirns, nicht der Kindergärtner, Lehrer oder die Eltern: keine Sozialisation kann einen Menschen konstruieren! Auf der gegebenen biologischen Basis sind die Möglichkeiten beschränkt; so wie ein Architekt auf dem Fundament einer Schule später keine Kirche aufbauen kann. Mit dem Geschlecht hat das zunächst noch gar nichts zu tun, aber es hat viel mit dem Individuum zu tun:

Menschen können auch mit soziologischer Gewalt nicht gleich gemacht werden!

Wissenschaft und Skalen - Was hat Soziologie eigentlich mit Biologie zu tun?

Zunächst soll einmal verdeutlicht werden was es bedeutet, Wissenschaft auf unterschiedlichen Skalen zu betreiben; Skalen, das sind hier letztlich Größenverhältnisse im ganz Allgemeinen. Ein Beispiel biete z.B. die Thermodynamik: Im Detail beschreibt die Physik, wie kleine Teilchen, z.B. Atome und Moleküle, untereinander wechselwirken, wie sie zusammenstoßen und wieder abprallen. Bei höheren Temperaturen bewegen sich diese Teilchen im Mittel schneller, aber sie können bei Stößen auch abgebremst werden. Das kann die Physik genau beschreiben - aber wenn man berechnen möchte, wie sich eine Tüte Luft verhält, wenn man sie erwärmt, ist diese Mikro-Physik nicht hilfreich, obwohl sie selbstverständlich richtig bleibt und letztlich alles bestimmt, was berechnet werden soll. 

Darum hat man in der Physik makroskopische Größen eingeführt, die besser in der Lage sind zu beschreiben, wie sich Myriaden einzelner Teilchen als Kollektiv verhalten; Temperatur und Druck sind solche Größen, die statistische Aussagen über große Mengen solcher Teilchen zulassen; aber bestimmt wird ihr Verhalten immer durch die mikroskopischen Prozesse. Das hat zur Folge, dass Druck und Temperatur nicht irgendetwas machen können sondern immer an die Grenzen gebunden sind, die ihnen die genaue Physik der elementaren Grundgrößen vorschreibt.

Ganz ähnlich ist es mit dem Verhältnis von Biologie zu Soziologie: die Biologie beschreibt die 'Grenzen' innerhalb derer die Soziologie sich entfalten kann. Vereinfacht beschreibt die Soziologie das Verhalten vieler Menschen als Gruppe, aber was der einzelne Mensch tut und tun kann, gibt letztlich die Biologie vor. 

Selbstverständlich wird das Handeln des Einzelnen auch durch das beeinflusst, was ihm von den anderen Menschen entgegengebracht wird: auch das gehört zur Biologie des Menschen. Der Mensch ist per Biologie darauf 'programmiert', auf seine Umwelt zu reagieren, aber diese Reaktionen laufen immer in seinem biologischen Programm ab: die Biologie setzt die Grenzen und bestimmt, was passieren kann - und dazu gehören Antriebe und Motivationen.

Es gibt beim Menschen also KEINE geistig-intellektuelle Eigenschaft, die nicht letztlich irgendwie biologisch-genetisch bedingt ist. Natürlich ist nicht jede geistig-intellektuelle Eigenschaft genetisch festgelegt oder programmiert, aber die Biologie stellt die Grundlagen für alles zur Verfügung, und auf diesen Grundlagen funktioniert der ganze Mensch. Darum sind an allem geistig-intellektuellen auch die Gene irgendwie beteiligt, wobei ihr Einfluss unterschiedlich groß ist. Rund 20.000 Genen werden im Gehirn aktiv, die alleine 3.000 unterschiedliche Zelltypen kodieren - entsprechend vielfältig sind die Unterschiede zwischen den Menschen: genauso wie die Körper, sind auch die Gehirne Unikate. Dass irgendwer irgendetwas kann ist also kein Beweis dafür, dass andere - oder gar alle - das auch können müssten. Menschen haben Stärken (Talente) und Schwächen - und zwar jeder individuell seine eigenen.

Sprachen lernen zu können ist natürlich genetisch bedingt, aber die Fähigkeit dazu ist von Mensch zu Mensch verschieden; und die Sprache die erlernt wird, ist natürlich nicht genetisch bedingt. Das betrifft selbstverständlich auch alle geschlechts-bedingten Eigenschaften wie z.B. das Balz- oder auch Rollenverhalten: erlernte Verhaltensweisen sitzen auf einem unveränderlichen, genetisch bestimmten Kern, dessen Wirkung sich teilweise direkt, aber auch indirekt über Hormone, entfalten kann. Gibt es also ein weibliches oder männliches Gehirn?

Stand: 27.01.2026