Der andere Blickwinkel
Persönliche Ansichten unserer Welt- in Gedanken und Bildern.

Rassismus I.

Meine Vorstellung von Rassismus

Meinen ersten 'Kontakt' mit Negern, wie man sie damals nannte, hatte ich vermutlich in de beginnenden 60er Jahren über Kinderbücher oder Lexika - in meiner Umgebung lebten nur weiße Menschen. Irgendwann spielte meine Schwester bei uns zu Hause mit einem Neger-Mädchen, was ich, auf Grund meiner bzw. unserer Erziehung, als ganz normal empfand. Es war für mich jetzt selbstverständlich, dass es Menschen mit anderer Hautfarbe gab; weitergehende Unterschiede gab es für uns aber nicht, denn wir waren ganz selbstverständlich antirassistisch erzogen worden: Mir war klar, dass die dunkle Farbe zu den Negern gehörte und nicht aufgetragen war - heute würde ich sagen, dass sie ererbt und sichtbarer Teil ihrer Identität ist.

Der Werte-Kern unserer Erziehung bestand also darin, dass alle Menschen gleichwertig sind, auch wenn sie zu anderen, mir zum Teil noch unbekannten, Rassen gehörten. Den Begriff Rasse hatte ich vermutlich damals noch nicht gehört, aber es war offensichtlich, dass es Menschen gab, die sich sichtbar unterschieden, so dass man sie intuitiv in Gruppen einteilen konnte. Menschen konnten sehr unterschiedlich sein, aber ihr Wert als Mensch war immer gleich und nie antastbar. Später habe ich gelernt, dass das sogar in unserem Grundgesetz so steht, sowohl in Artikel No. 1, in dem von der Würde DES Menschen und nicht von bestimmten Menschen die Rede ist, als auch im Artikel No. 3 Abs. 3 in dem es ganz explizit heißt, dass Menschen nicht auf Grund ihrer Rasse benachteiligt werden dürfen.

Das nächste Erlebnis mit einem Neger an das ich mich erinnern kann, hatte ich Mitte zwanzig, als ich im Urlaub war. Ich stand in Ascona in einem Zigarrengeschäft und betrachtete mit leuchtenden Augen die wundervollen Zigarren aus Cuba, die ich mir selbstverständlich nicht leisten konnte. Ein großer schwarzer Mann sprach mich an, wir unterhielten uns etwas in meinem schlechten Schulenglisch - und dann schenkte er mir eine der Montecristo Zigarren, von denen er gerade eine Kiste gekauft hatte. Ich war platt, habe aber keine Ahnung mehr, wie ich mich damals bedankt habe; aber den Moment habe ich nie wieder vergessen. Neger konnten alles sein, was ich bis dahin an Menschen wertzuschätzen gelernt hatte: offen, freundlich, großzügig. Es tut mir bis heute leid, dass ich niemals die Möglichkeit bekam, mich noch einmal angemessen zu bedanken.

Damals habe ich auch gelernt, dass es zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten der Erde üblich war, Menschen auf Grund ihrer Rasse auf sehr schlimme Weise zu 'benachteiligen', sie zu entmenschlichen, und, was ich besonders schockierend empfand, nicht nur in einer mir fernen Vergangenheit, sondern auch noch zu diesem Zeitpunkt: In Südafrika wurden Neger per Gesetz von Weißen getrennt. Sie hatten weniger Rechte als Weiße und durften z.B. in Bussen nur auf extra für sie vorgesehenen Plätzen sitzen. Das hat mich schockiert, aber Afrika war immerhin sehr weit weg. Entsetzt war ich dagegen als ich hörte, dass diese Form der Rassentrennung immer noch im Süden der USA praktiziert wurde. Ich lernte, dass diese Abwertung schwarzer Menschen - dass auch Menschen anderer Rassen, wie z.B. Chinesen, von solchen Benachteiligungen betroffen waren, war mir damals unbekannt - 'Rassismus' genannt wird. Rassismus war für mich die Entmenschlichung von Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe, oder anderer deutlich sichtbarer angeborener Eigenschaften. Rassismus gab es schon lange und es gab ihn immer noch.

Gerade noch hatten die Nazis im dritten Reich ihre verheerenden Herrenmenschen-Ideologie auf Rassismus aufgebaut, aber die daraus resultierende Katastrophe hatte die Welt offensichtlich nicht gelehrt, dass Rassismus - auch in seiner erweiterten Form, die ich später im Antisemitismus fand - nie wieder auftreten dürfe? Ich fragte mich, wann die Welt endlich lernen würde, dass niemand auf Grund irgendwelcher angeborener Äußerlichkeiten benachteiligt oder sogar aus der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen werden dürfe.

Damit entsprach mein Bild von Rassismus etwa der damaligen Definition: Wahrig 1974: "Rassismus: 1 Rassenhass 2 Unterdrückung von Menschen anderer Rasse" Zusammen mit der dortigen Definition von 'Rasse' war genau das meine damalige Einstellung  - an der sich bis heute nichts geändert hat.

Quellen

Wahrig Fremdwörterlexikon,
Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH/Bertelsmann Lexikon Verlag,
Gütersloh - Berlin - München - Wien 1974 B,   S. 537
"Rasse: Gesamtheit aller Angehörigen einer Art, die sich durch bestimmte erbliche Merkmale voneinander unterscheiden, mit Angehörigen anderer Rassen dieser Art aber fruchtbare Nachkommen zeugen können."
"Rassismus: 1 Rassenhass 2 Unterdrückung von Menschen anderer Rasse"